Neues bewusst etablieren

Unser Kooperationspartner und langjähriger Trainer Stefan Heiligensetzer, die Führungswerkstatt formuliert in unserem Blogeintrag Ideen und Ansätze, die jetzige Situation und die daraus entstehenden Veränderungen positiv für Personalentwicklungs-Projekte in der Zukunft zu nutzen.

„KRISE“ – wenn es ein Wort gibt, das zurzeit scheinbar omnipräsent ist, dann ist es dieses. Und wir werden in den Glauben versetzt, dass diese ein noch nie dagewesenes Ausmaß hat und dass solch außergewöhnliche Situation außergewöhnliche Maßnahmen erfordert. Plötzlich sind Dinge möglich, die zuvor nicht denkbar waren, in Industrie, Politik, Gesundheitswesen; Organisationen und Einzelne entwickeln zum Teil ein ungeahntes Potential an Kreativität. Und – nicht zu vergessen, sondern vielleicht das Wichtigste – humane Werte rücken wieder in den Fokus, die doch eher auf dem Abstellgleis standen: Solidarität, Hilfsbereitschaft und Wertschätzung.

Und wenn wir etwas tiefer blicken, dann geschieht dies nicht nur im Offensichtlichen – den Krankenhäusern, Pflegeheimen und Supermärkten. In ganz vielen Organisationen, aber auch organisationsübergreifend, spüren wir momentan diesen „frischen Wind“ neuer Menschlichkeit. Obwohl im Homeoffice rückt man näher zusammen, in Videokonferenzen wird extrem viel gelächelt, der Junior auf dem Schoß wird dabei wie selbstverständlich als neues „Teammitglied“ akzeptiert. Wir müssen in kurzer Zeit soviel Neues lernen, zulassen, akzeptieren, dass es nur in einem guten Miteinander geht. Lern- und Austauschformate wie „Working Out Loud“ oder auch die offene Plattform „Lunch & Learn“  erfahren einen ungeahnten Zuspruch – denn wir Menschen sind am Ende eben soziale Wesen – und wir lernen am besten gemeinsam und im Austausch.

Doch ist all das am Ende auch nachhaltig? Werden wir uns, je mehr „Normalität“ uns wieder zur Verfügung steht, an diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle erinnern? Oder fallen wir – durchaus menschlich – wieder in die alten Muster und Strukturen zurück. Sind am Ende froh, es „überstanden“ zu haben?

Sind wir ehrlich, es wäre schade, wenn die Karikatur der Allgäuer Zeitung (siehe Bilder) vom 18.4.2020 in der zukünftigen Retrospektive stellvertretend für all die Veränderungen, die wir gerade erleben, Wirklichkeit geworden wäre.

Matthias Horx beschreibt auf seiner Webseite in einer „Re-gnose“ (ein Rückblick aus der Zukunft) eine neue Welt nach Corona und zitiert dabei Slavko Zinek:

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.” Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März (Quelle: www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/) Er spricht vom Narrativ, das in unseren Köpfen ist: Bilder, Erlebtes, Gefühle – so wie die musizierenden Menschen auf den Balkonen. Und wie oben schon erwähnt, gibt es diese Narrative auch in unserem beruflichen Alltag, in unseren Organisationen.

Als Coaches und Begleiter von Menschen in Organisationen – Führungskräfte und Mitarbeiter - wissen wir um die Kraft dieser Narrative, denn sie sind Teil unserer täglichen Arbeit. Wir wissen aber auch, dass daraus erst dann eine nachhaltige Lernerfahrung wird, wenn wir uns intensiv damit beschäftigen.

„Wer glaubt alle Antworten zu haben, stellt nicht mehr die richtigen Fragen und hört auf zu lernen” Dr. Peter Kreuz auf Xing

Das bedeutet, dass wir uns Zeit nehmen müssen, gemeinsam auf das Erlebte zu schauen und zu reflektieren, was es für uns bedeutet. Hierbei lohnt insbesondere der Blick auf unsere Wertesysteme, Leitgedanken und Glaubenssätze.

  • Welche Werte und Leitgedanken haben sich bewährt?
  • Welche Haltungen haben uns besonders beeindruckt und wollen wir beibehalten?
  • Welche neuen Verhaltensweisen, Einstellungen, Handlungen wollen wir bewusst für die Zukunft übernehmen und etablieren.
  • Welche „alten Zöpfe“ haben wir abgeschnitten und wollen sie gar nicht mehr „nachwachsen“ lassen?
  • Sind unsere alten Glaubenssätze überholt? Wenn ja, wie lauten die revidierten? Wie werden Sie dauerhaft sichtbar und wirksam?
  • … um nur einige beispielhafte Leitfragen für eine solche gemeinsame Reflexion zu nennen.

Sicher ist: es gibt keine pauschalen Antworten, denn sie kommen aus uns heraus und sind deshalb so individuell wie jeder Mensch und jede Organisation.

Sicher ist aber auch: je einschneidender unsere Erlebnisse und Erfahrungen in einer Situation sind, desto größer ist das Potential daraus mit neuem Wissen, neuen Haltungen und zusätzlichen Kompetenzen hervorzugehen, als Mensch, als Führungskraft, als Organisation.

Lassen Sie es uns gemeinsam angehen und nicht nur in einen Alltag mit alten Mustern zurückschlittern.

Stefan Heiligensetzer, Die Führungswerkstatt